Militärgenealogie Deutschlands: Wehrmacht, Volksdeutsche und die Archive der Schicksale 1939–1945

§ 01

2014 beschloss ein Nachkomme von Wolgadeutschen, der im Rahmen des Aussiedlerprogramms nach Deutschland gezogen war, das Schicksal seines Großvaters zu klären — eines Volksdeutschen, der 1941 zusammen mit seiner ganzen Familie aus dem Gebiet Saratow nach Kasachstan deportiert worden war. Die Suche in sowjetischen Archiven brachte nur eine knappe Bescheinigung über die Sonderumsiedlung zutage, doch der Forscher wandte sich daraufhin an das deutsche Bundesarchiv — und fand unerwartet einen Fragebogen aus 1943 von einer ganz anderen Behörde: Es stellte sich heraus, dass einer der Brüder des Großvaters, der in der besetzten Ukraine zurückgeblieben war, sich zu dieser Zeit als Volksdeutscher registrieren ließ und einen ausführlichen Ahnenfragebogen ausfüllte, der Angaben zu Vorfahren über mehrere Generationen zurück verlangte. Ein Dokument, das aus nationalsozialistischer Rassebürokratie entstand, wurde so ironischerweise für die Nachkommen zu einer der detailliertesten genealogischen Quellen über die Familie im 19. Jahrhundert.

§ 02

WASt und Bundesarchiv: Personalakten von Wehrmachtssoldaten

Die Wehrmachtauskunftstelle (WASt) wurde 1939 vom NS-Regime geschaffen, um zentral das Schicksal jedes Soldaten zu erfassen — Verwundete, Gefallene, Gefangene und Vermisste. Nach dem Krieg arbeitete die Stelle in West-Berlin weiter und beantwortete während der gesamten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Anfragen von Angehörigen und Forschern; 2019 wurde sie offiziell in das Bundesarchiv eingegliedert. Die Personalakte eines Wehrmachtssoldaten kann Geburtsdatum und -ort, Angaben zu Verwundungen und Auszeichnungen sowie im Falle der Gefangenschaft das genaue Lager und, falls er nicht überlebte, das Todesdatum enthalten.

Getrennt von der WASt besteht das Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg — Deutschlands größtes Militärarchiv, das Dokumente auf Ebene der Einheiten und Verbände aufbewahrt: Kriegstagebücher, Stärkemeldungen, Gefechtskarten. Liegt die Personalakte einer bestimmten Person in den Beständen der ehemaligen WASt, muss der Kontext ihres Dienstes — an welchen Gefechten ihre Einheit teilnahm, wohin sie verlegt wurde — gerade in Freiburg gesucht werden, also in zwei getrennten Archivanfragen statt einer.

§ 03

Volksdeutsche: die Registrierung ethnischer Deutscher aus dem Gebiet der UdSSR

Eine besondere Quellenkategorie betrifft ethnische Deutsche, die im Gebiet der UdSSR lebten — an der Wolga, am Schwarzen Meer, in Wolhynien, im Kaukasus. Von 1939 bis 1944 führte die NS-Verwaltung eine groß angelegte Umsiedlungskampagne ethnischer Deutscher aus annektierten und besetzten Gebieten durch, und jeder Umsiedler durchlief eine Registrierung bei der Einwandererzentralstelle (EWZ). Die Registrierung erforderte den Nachweis der 'rassischen' Zugehörigkeit, und dafür musste der Antragsteller einen ausführlichen Ahnenfragebogen ausfüllen — faktisch einen Stammbaum über mehrere Generationen, mit Namen, Daten und Geburtsorten der Vorfahren.

EWZ-Dokumente liegen heute im Bundesarchiv und sind in erheblichem Umfang digitalisiert; für Nachkommen von Wolga-, Schwarzmeer- und Wolhyniendeutschen sind sie eine der detailreichsten genealogischen Quellen des 20. Jahrhunderts, da die gewöhnlichen Kirchenbücher dieser Gemeinden bei Deportationen, Umsiedlungen und im Krieg selbst oft verloren gingen, während der EWZ-Fragebogen eines bestimmten Vorfahren dieselben Angaben enthalten kann wie das verlorene Kirchenbuch — und das eigenhändig ausgefüllt.

Die zentrale Durchgangs- und Registrierungsstelle der EWZ lag in Litzmannstadt (dem heutigen Łódź), durch die nach Schätzungen von Historikern etwa 350.000 bis 400.000 Umsiedler aus verschiedenen Teilen Osteuropas gingen; für Personen speziell aus dem Gebiet der UdSSR gab es auch andere, kleinere Registrierungsstellen näher an den Aussiedlungsorten. Neben dem Ahnenfragebogen umfasste das Verfahren ein Loyalitätsgespräch und eine ärztliche Untersuchung — alle drei Dokumentenarten können heute selbst innerhalb der Akte einer einzigen Person getrennt aufbewahrt sein, sodass es sich für ein vollständiges Bild lohnt, beim Bundesarchiv den gesamten Aktensatz anzufordern, nicht nur den Abstammungsfragebogen. Über Struktur und Geschichte der Umsiedlungskampagne planen wir, in einem eigenen Artikel ausführlicher zu berichten — hier ist vor allem wichtig, dass diese Dokumente existieren und für genealogische Anfragen zugänglich sind.

§ 04

Volksbund: eine Kriegsgräberdatenbank, die bis heute geführt wird

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde bereits 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, gegründet und setzt seine Arbeit bis heute fort, betreut Kriegsgräberstätten und führt eine Online-Datenbank gefallener deutscher Soldaten beider Weltkriege. Anders als die WASt, die Archivbescheinigungen auf formellen Antrag ausstellt, ist die Volksbund-Datenbank für die kostenlose Suche nach Familiennamen direkt auf der Website der Organisation geöffnet und gibt häufig den konkreten Kriegsgräberfriedhof und die Grabnummer an, falls die Gebeine später identifiziert und umgebettet wurden.

§ 05

Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft: Statistik und die Maschke-Kommission

Von fast drei Millionen deutschen Soldaten, die in sowjetische Gefangenschaft gerieten, kehrte Schätzungen zufolge mindestens ein Drittel nicht in die Heimat zurück. Das Schicksal der Heimkehrer nach 1955, als die letzte große Welle von Gefangenen aufgrund eines Abkommens zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR repatriiert wurde, untersuchte systematisch eine eigene wissenschaftliche Kommission unter Leitung des Historikers Erich Maschke — ihr mehrbändiger Bericht, erschienen in den 1960er- und 1970er-Jahren, bleibt die wichtigste Quelle für Statistiken über das Schicksal deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern und enthält häufig Listen konkreter Lager mit Sterblichkeitszahlen nach Jahren.

§ 06

Deutsche Volksliste: eine Einstufung, die manchmal ein verlorenes Kirchenbuch ersetzt

In den besetzten Gebieten Polens und teilweise der Ukraine führte die deutsche Verwaltung ein eigenes System zur Einstufung der einheimischen Bevölkerung nach Grad der Zugehörigkeit zur deutschen Nation ein — die Deutsche Volksliste, die Menschen je nach Abstammung, Sprache und vermuteter Loyalität in vier Kategorien einteilte. Der Antrag auf Aufnahme in die Liste erforderte den urkundlichen Nachweis deutscher Wurzeln, und Antragsteller legten dem Fragebogen nicht selten Auszüge aus später verlorenen Kirchenbüchern oder eine selbst zusammengestellte Ahnentafel bei, die sich auf mündliche Familienüberlieferungen über Vorfahren stützte. Für heutige Forscher erweist sich die Volkslisten-Akte einer bestimmten Person, die in regionalen Archiven Polens und teilweise im Bundesarchiv liegt, manchmal als die einzige schriftliche Spur eines im Krieg verbrannten oder verloren gegangenen Kirchenbuchs.

§ 07

Heimatortskartei: eine Nachkriegskartei nach Herkunftsort

Nach 1945, als Millionen ethnischer Deutscher aus osteuropäischen Gebieten deportiert, evakuiert wurden oder flohen, schuf der Kirchliche Suchdienst Deutschlands die Heimatortskartei (HOK) — eine riesige Kartei, geordnet nicht nach Familiennamen, sondern nach dem Namen des Heimatorts. Für jede deutsche Kolonie an der Wolga, am Schwarzen Meer oder in Wolhynien wurde ein eigener Karteiabschnitt angelegt, in den Angaben zu allen bekannten Geborenen dieses Ortes eingetragen wurden, einschließlich Geburtsdatum und -ort sowie — besonders wichtig — Angaben zum Nachkriegsaufenthaltsort, sofern dieser über den Flüchtlingssuchdienst ermittelt worden war.

Diese Kartei entstand als rein praktisches Hilfsmittel, um durch den Krieg getrennte Angehörige zusammenzuführen, dient aber für die heutige genealogische Forschung oft als Möglichkeit, das Fehlen des Kirchenbuchs selbst zu umgehen: Kennt man nur den Namen der Kolonie, lässt sich der HOK-Abschnitt für dieses Dorf finden und darin der Hinweis auf eine bestimmte Familie — selbst wenn der ursprüngliche Geburtseintrag überhaupt nicht erhalten ist. Ein Teil der HOK-Bestände wurde inzwischen an das Bundesarchiv und an regionale Archive der Landsmannschaften der Wolga- und Schwarzmeerdeutschen übergeben.

§ 08

Fallstricke der deutschen Militärrecherche

§ 09

Übersichtstabelle: wohin man sich wenden sollte

Kategorie

Wo man sucht

Was zu beachten ist

Personalakte eines Wehrmachtssoldaten

Bundesarchiv (ehemals WASt)

Direkte Archivanfrage, Antwort kann mehrere Monate dauern

Verbandsunterlagen (Kriegstagebücher)

Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg

Eigenes Archiv und eigene Anfrage, getrennt von der Personalakte

Ethnische Deutsche aus der UdSSR, EWZ-Registrierung

Bundesarchiv, Bestand R 69

Enthält ausführliche Ahnenfragebögen, teilweise digitalisiert

Kriegsgräber und Bestattungsorte

volksbund.de

Kostenlose Online-Suche nach Familiennamen direkt auf der Website

§ 10

Checkliste für die Suche

  1. Bestimmen Sie die Kategorie des Vorfahren: regulärer Wehrmachtssoldat, Volksdeutscher mit EWZ-Registrierung, oder Zivilist, der im Rahmen der Umsiedlung verlegt wurde.
  2. Richten Sie für einen Soldaten einen schriftlichen Antrag an das Bundesarchiv (ehemals WASt) — benötigt werden vollständiger Name, Geburtsdatum und, falls bekannt, die Einheitsnummer.
  3. Prüfen Sie parallel volksbund.de — eine kostenlose Suche kann Tatsache und Ort des Todes sofort bestätigen, ohne auf eine Archivantwort zu warten.
  4. Beantragen Sie für den Kontext des Einheitsdienstes Dokumente getrennt beim Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg.
  5. Prüfen Sie für ethnische Deutsche aus dem Gebiet der UdSSR den EWZ-Bestand im Bundesarchiv — der Fragebogen kann genealogische Angaben enthalten, die weiter zurückreichen als jede andere Quelle.

Deutsche Archive der Kriegszeit zeichnen sich durch eine unerwartete Vollständigkeit aus, gerade wegen einer bürokratischen Disziplin, die damals völlig anderen Zwecken diente als den Interessen der Nachkommen. Zu verstehen, welche Behörde für welche Dokumentenkategorie zuständig war, verwandelt verstreute Archivbestände in einen folgerichtigen Suchweg.

§ 11

Glossar

WASt / Deutsche Dienststelle — die deutsche Wehrmachtauskunftstelle, geschaffen 1939, seit 2019 Teil des Bundesarchivs.

Bundesarchiv-Militärarchiv — Deutschlands Militärarchiv in Freiburg, das Dokumente auf Ebene militärischer Einheiten und Verbände aufbewahrt.

EWZ (Einwandererzentralstelle) — die Reichsbehörde, die ethnische Deutsche registrierte, die 1939–1944 aus annektierten und besetzten Gebieten umgesiedelt wurden.

Volksdeutsche — ethnische Deutsche, die außerhalb des Vorkriegsdeutschlands lebten, darunter im Gebiet der UdSSR.

Hiwi (Hilfswillige) — Hilfsformationen bei der Wehrmacht, die unter anderem aus der einheimischen Bevölkerung besetzter Gebiete rekrutiert wurden.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge — gegründet 1919, betreut Kriegsgräberstätten und führt eine Online-Datenbank gefallener deutscher Soldaten.

Heimkehrer — deutsche Kriegsgefangene, die nach Kriegsende aus ausländischer Gefangenschaft in die Heimat zurückkehrten.

Maschke-Kommission — eine wissenschaftliche Kommission unter Leitung des Historikers Erich Maschke, die das Schicksal deutscher Kriegsgefangener in sowjetischer Gefangenschaft untersuchte.

Deutsche Volksliste — ein von der NS-Verwaltung eingeführtes System zur Einstufung der einheimischen Bevölkerung besetzter Gebiete nach Grad der Zugehörigkeit zur deutschen Nation.

Heimatortskartei (HOK) — eine Nachkriegskartei des Kirchlichen Suchdienstes Deutschlands, geordnet nach dem Namen des Heimatorts von Umsiedlern und Flüchtlingen.