Alte russische Handschriften lesen: Skoropis, Kirchenbücher und die Rechtschreibung vor der Reform

§ 01

Vom Ustav zur Skoropis: eine kurze Geschichte der russischen Schrift

Die russische kyrillische Schrift durchlief drei aufeinanderfolgende Stile, bevor sie zu dem wurde, was Dokumentenhistoriker 'Kanzlei-Kurrent' (Skoropis) nennen — jener flüchtigen Handschrift, in der die meisten für heutige Forscher interessanten Archivdokumente tatsächlich verfasst sind. Der Ustav, die feierliche, langsame Schrift altrussischer Bücher des 11. bis 14. Jahrhunderts, in der jeder Buchstabe einzeln und aufrecht geschrieben wurde, diente vor allem liturgischen Texten und war für den alltäglichen Schriftverkehr schlicht zu mühsam.

An die Stelle des Ustav trat bis zum 14. Jahrhundert der Poluustav — eine schnellere, geneigte Schrift mit ersten Abkürzungen. Der eigentliche Geschwindigkeitssprung kam im 15. und 16. Jahrhundert, als die Prikasy — die Verwaltungsämter des entstehenden zentralisierten Moskauer Staates — die Skoropis hervorbrachten: eine verbundene, fließende Schrift, in der Buchstaben ineinander übergehen und zahlreiche Wörter unter hochgestellten Zeichen abgekürzt werden. Je schneller die Bürokratie des Moskauer Reiches wuchs, desto schneller schrieben ihre Schreiber — und desto unleserlicher wurde ihre Handschrift für die Nachwelt.

Ein kurioses historisches Paradox: Die Reform Peters des Großen von 1708–1710, die die 'Zivilschrift' — ein vereinfachtes Druckalphabet für weltliche Bücher — einführte, veränderte die gedruckten Buchstabenformen, rührte die handschriftliche Kanzleitradition aber kaum an. Beamte und Gemeindepriester schrieben noch zwei weitere Jahrhunderte in der gewohnten Skoropis, vereinfachten und standardisierten sie allmählich, besonders nach 1838, als für Kirchenbücher eine einheitliche Tabellenform eingeführt wurde. Genau deshalb können ein Kirchenbuch von 1750 und eines von 1900 aus derselben Pfarrei wie Dokumente in zwei völlig verschiedenen Sprachen wirken, obwohl beide formal im selben Alphabet geschrieben sind.

§ 02

Rechtschreibung vor der Reform: vier Buchstaben, die verwirren

Vor der Rechtschreibreform, die das sowjetische Volkskommissariat für Bildung im Oktober 1918 erließ, enthielt das russische Alphabet mehrere Buchstaben, die aus der modernen Schrift verschwunden sind, in jedem vorrevolutionären Dokument aber ständig auftauchen.

§ 03

Buchstaben in Verkleidung: Formen, die bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden

Die eigentliche praktische Schwierigkeit der Skoropis des 18. und 19. Jahrhunderts liegt nicht in den verschwundenen Buchstaben, sondern darin, dass manche erhaltenen Buchstaben völlig anders geschrieben wurden als heute. Das 't' (т) wurde in der Kurrentschrift oft als drei senkrechte Striche dargestellt, die einem modernen 'sch' (ш) oder 'm' (м) ähneln — ohne den Wortzusammenhang ist es kaum richtig zu lesen. Das 'd' (д) konnte mit einem langen, weit unter die Zeile reichenden Schweif geschrieben werden, der einem gedruckten 'g' ähnelt. Die Buchstaben 'w' (в) und 'b' (б) verschmelzen in flüchtiger Schrift bisweilen so stark, dass sie nur über den Wortsinn zu unterscheiden sind. Zahlen, sofern nicht ausgeschrieben, wurden durch Buchstaben mit einem besonderen hochgestellten Zeichen — dem Titlo — dargestellt: Ein 'A' mit Titlo bedeutete eins, ein 'I' mit Titlo zehn, und eine Jahreszahl konnte als eine Folge solcher Buchstaben erscheinen statt als vertraute arabische Ziffern — für Anfänger eine eigene Hürde.

Abkürzungen sind ein weiteres systematisches Merkmal der Kanzlei- und Kirchenschrift. Häufig wiederkehrende Wörter, besonders sakrale ('Herr', 'Gottesgebärerin', 'Heilig'), wurden unter einem Titlo verkürzt geschrieben — ein oder zwei Buchstaben standen für das ganze Wort. In Kirchenbüchern wurden auch Standes- und Berufsbezeichnungen routinemäßig unter Titlo abgekürzt: 'krest.' für krestjanin (Bauer), 'svjasch.' für svjaschtschennik (Priester), 'dworow.' für dworowoj tschelowek (Hofgesinde). Die Liste solcher Abkürzungen ist endlich und lässt sich binnen weniger Stunden anhand von Nachschlagewerken einprägen.

§ 04

Warum die Handschrift derselben Pfarrei über die Jahrhunderte variieren kann

Ein Kirchenbuch ist kein gedrucktes Dokument, sondern die Handschrift einer einzelnen Person, und die Qualität der Schrift hing unmittelbar davon ab, wer den Eintrag tatsächlich anfertigte. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lag die Pflicht zur Führung des Kirchenbuchs beim Gemeindepfarrer — ein Seminarabsolvent mit kalligraphischer Handschrift oder ein Dorfpfarrer, der nach Gehör schreiben gelernt hatte und sich mit jeder Zeile mühte. Nach den 1860er Jahren, als die Verwaltung der Diözesen formalisierter wurde, erhielten viele Pfarreien eigene Psalmensänger, die eigens für die Führung der Dokumentation ausgebildet wurden, und die Handschrift glich sich merklich an.

Auch regionale Faktoren spielen eine Rolle. In den westlichen Gouvernements — wo Pfarreien jahrhundertelang innerhalb der polnischen und österreichisch-ungarischen Kanzleitradition bestanden — findet sich häufig eine Mischung aus kyrillischer Kurrentschrift und lateinischen Ziffern- und Datumskonventionen, besonders dort, wo eine Pfarrei im Laufe des 19. Jahrhunderts zwischen katholischer und orthodoxer Zugehörigkeit wechselte. Wer diese Grenzlage des Dokuments erkennt, erspart sich Stunden des Rätselns über eine auf den ersten Blick unleserliche Zeile.

§ 05

Die Methode, die tatsächlich funktioniert: nicht von null lernen, sondern mit Transkription parallel

Der häufigste Anfängerfehler ist der Versuch, ein unbekanntes Kurrent-Dokument Buchstabe für Buchstabe wie ein Rätsel zu entziffern. Paläographen und Archivare gehen grundlegend anders vor: Sie suchen zuerst ein Dokument desselben Typs, derselben Epoche und idealerweise derselben Region, für das bereits eine moderne Transkription existiert, und lesen Original und Übertragung parallel, indem sie die Buchstabenformen mit bereits bekannten Wörtern abgleichen. Nach wenigen Stunden solcher paralleler Arbeit erkennt das Auge charakteristische Schwünge automatisch, und der Übergang zu unentzifferten Dokumenten wird natürlich statt einschüchternd.

Für Kirchenbücher ist das besonders praktisch: Ihre Struktur bleibt von Jahr zu Jahr erstaunlich stabil — dieselben Spalten, dieselben Standardformulierungen ('dem Bauern... und seiner rechtmäßigen Ehefrau... wurde ein Sohn geboren...') — wer also die Einträge eines Jahres einer bestimmten Pfarrei einmal gelernt hat, erhält damit faktisch eine Vorlage für das Lesen der übrigen Jahre desselben Bestands.

§ 06

Wo man Übungsmaterial und Hilfe zur Überprüfung findet

§ 07

Fünf typische Fehler beim Lesen alter Einträge

§ 08

Checkliste: Wie man sich einem unleserlichen Dokument nähert

Eine kostenpflichtige Transkription von Archivdokumenten ist für einen einzelnen, entscheidenden Fund eine sinnvolle Option. Für die systematische Erforschung der eigenen Familiengeschichte spart die Fähigkeit zum selbstständigen Lesen aber mehr als nur Geld: Wer Kirchenbuchseiten schnell durchsehen kann, prüft in einer einzigen Archivsitzung Dutzende Einträge auf den gesuchten Namen, während das Warten auf eine professionelle Transkription jeder einzelnen Seite die Suche auf Monate ausdehnen kann.

§ 09

Glossar

Ustav — die feierliche, aufrechte Schrift altrussischer Bücher des 11. bis 14. Jahrhunderts, in der jeder Buchstabe einzeln geschrieben wurde. Vor allem für liturgische Texte verwendet.

Poluustav — eine schnellere, geneigte Handschrift mit ersten Abkürzungen, die den Ustav bis zum 14. Jahrhundert ablöste.

Skoropis — die laufende Kurrentschrift der Kanzlei- und Kirchenverwaltung des 15. bis 19. Jahrhunderts, in der Buchstaben ineinander übergehen und zahlreiche Wörter unter hochgestellten Zeichen abgekürzt werden.

Jat (ѣ) — ein Buchstabe des vorreformatorischen Alphabets, der einen Laut nahe dem 'e' bezeichnete und in einer streng festgelegten Wortgruppe nach etymologischem Prinzip verwendet wurde.

Fita (ѳ) — ein Buchstabe des vorreformatorischen Alphabets, der ausschließlich in Wörtern griechischer Herkunft vorkam, etwa Ѳeodor.

Titlo — ein hochgestelltes Zeichen, unter dem häufig wiederkehrende Wörter (insbesondere sakrale) in Handschriften abgekürzt und Buchstaben zur Darstellung von Zahlen verwendet wurden.

Alter Stil — der julianische Kalender, der in Russland bis 1918 galt; Daten nach altem Stil weichen vom gregorianischen Kalender um zwölf bis dreizehn Tage ab.