Ovarialreserve: Was die AMH- und AFC-Tests wirklich aussagen

1947 führte der französische Physiologe Alfred Jost Experimente durch, die zunächst etwas befremdlich wirkten: Er entfernte chirurgisch die Anlagen der Keimdrüsen bei Kaninchenembryonen, noch im Mutterleib, in einem ganz frühen Entwicklungsstadium. Das Ergebnis war erstaunlich: Ohne Gonaden entwickelt sich jeder Embryo, unabhängig vom genetischen Geschlecht, nach dem weiblichen Bauplan — Eileiter, Uterus und oberer Teil der Scheide entstehen. Bleiben die Hoden jedoch erhalten, verschwinden genau diese weiblichen Strukturen, die sogenannten Müller-Gänge. Jost schloss daraus, dass die Hoden neben Testosteron noch eine weitere Substanz freisetzen müssen — eine, deren einzige Aufgabe darin besteht, diese weiblichen Gänge zum Verschwinden zu bringen. 1953 gab er dieser geheimnisvollen Substanz einen Namen: Müller-Gang-Hemmstoff.

Jahrzehnte später wurde diese Substanz in Anti-Müller-Hormon, kurz AMH, umbenannt. Dabei zeigte sich, dass sie bei erwachsenen Frauen eine völlig andere Rolle spielt: Sie wird von Zellen produziert, die wachsende Eierstockfollikel umgeben, und ihr Blutspiegel erwies sich als einer der besten Hinweise darauf, wie viele Eizellen eine Frau noch besitzt. Ein Hormon, das ursprünglich dafür entdeckt wurde, weibliche Strukturen bei männlichen Embryonen verschwinden zu lassen, wurde so zum wichtigsten Marker weiblicher Fruchtbarkeit — die Reproduktionsmedizin liebt offenbar überraschende Wendungen.

§ 01

Was Ovarialreserve eigentlich bedeutet

Die Ovarialreserve ist schlicht die Anzahl der Eizellen, die den Eierstöcken einer Frau aktuell zur Verfügung stehen. Männer produzieren fortlaufend Spermien, Frauen haben diesen Luxus nicht: Sie kommen mit einem festen Vorrat an Primordialfollikeln zur Welt — etwa ein bis zwei Millionen bei der Geburt —, und diese Zahl sinkt im Laufe des Lebens nur, sie wächst nie wieder. Bei der ersten Periode sind es noch rund 300.000 bis 400.000, bei den Wechseljahren nur noch wenige Hundert. Die meisten dieser Follikel erreichen die Ovulation ohnehin nie — die überwiegende Mehrheit verschwindet still in verschiedenen Entwicklungsstadien.

Zur Beurteilung der Ovarialreserve werden heute hauptsächlich zwei Methoden eingesetzt: die Zählung antraler Follikel im Ultraschall (AFC) und die Blutuntersuchung auf AMH. Beide Methoden wurden erst vergleichsweise spät zur klinischen Routine — etwa Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre, als Reproduktionsmediziner systematisch nach einem Weg suchten, vorherzusagen, wie die Eierstöcke einer Frau auf eine Stimulation vor einer IVF reagieren würden.

§ 02

Die Zählung antraler Follikel: Wie sie abläuft

Antrale Follikel sind die kleinen, im Ultraschall sichtbaren Bläschen mit 2 bis 10 mm Durchmesser, die zu Beginn jedes Zyklus in den Eierstöcken vorhanden sind. Genau aus dieser Gruppe setzt sich, wie im Artikel über den dominanten Follikel beschrieben, später ein einzelner Anführer durch. Für die Beurteilung der Reserve zählt jedoch nicht, wer gewinnt, sondern wie viele überhaupt am Start standen.

Die Zählung erfolgt per vaginalem Ultraschall, meist am 2. bis 5. Zyklustag, wenn die Eierstöcke besonders ruhig sind und sich die Follikel leichter einzeln unterscheiden lassen. Die Ärztin untersucht beide Eierstöcke nacheinander und addiert alle sichtbaren Follikel der passenden Größe. Die Methode ist etwas subjektiv — das Ergebnis hängt ein wenig von der Erfahrung der Untersuchenden und der Gerätequalität ab —, bleibt aber trotzdem eine der genauesten und zugänglichsten Möglichkeiten, die Reserve einzuschätzen: günstiger und schneller als eine Blutuntersuchung.

Antrale Follikelzahl (AFC)EinordnungWas das in der Praxis bedeutet
0–3Sehr niedrige ReserveSchwache Reaktion auf Stimulation zu erwarten, oft kommen Spenderprogramme ins Gespräch
4–7Verminderte ReserveIVF ist weiterhin möglich, das Protokoll wird individuell angepasst
8–15Normale ReserveTypische, erwartbare Reaktion in den meisten Protokollen
16–20Hohe ReserveGute Aussichten, aber höheres Risiko für eine Überstimulation (OHSS)
Über 20Sehr hohe ReserveTritt häufig bei PCOS auf, erfordert ein vorsichtigeres Protokoll

Diese Zahlen sind eine Orientierung, keine Diagnose. Wenn der AFC-Wert einer Frau in einem Zyklus bei 6 liegt und im nächsten bei 9, ist das kein Widerspruch — die Zählung schwankt naturgemäß etwas von Zyklus zu Zyklus, und das Ergebnis sollte immer zusammen mit Alter, Symptomen und dem gesamten klinischen Bild betrachtet werden.

§ 03

AMH: ein Hormon mit bewegter Geschichte

AMH wird von Granulosazellen produziert — der Hülle, die einen wachsenden Follikel von den frühesten Stadien an umgibt, bis er 4 bis 6 mm erreicht. Deshalb spiegelt der AMH-Wert im Blut recht unmittelbar wider, wie groß der Vorrat an Follikeln ist, die in den kommenden Monaten zu wachsen beginnen könnten.

Das Hormon selbst wurde erstmals 1993 in der Follikelflüssigkeit des Menschen nachgewiesen, und 2002 gelang es, daraus einen routinemäßigen Serumtest zu entwickeln, den jedes Labor durchführen kann. Seitdem zählt der AMH-Test zu den meistverlangten Untersuchungen der Reproduktionsmedizin. In Großbritannien wird er umgangssprachlich schlicht „egg count test“ genannt, obwohl er formal keine Eizellen direkt zählt, sondern ihre Anzahl über eine indirekte hormonelle Spur abschätzt.

AMH hat gegenüber dem Ultraschall einen praktischen Vorteil: Der Wert verändert sich über den Zyklus kaum, sodass das Blut an jedem beliebigen Tag entnommen werden kann, ohne auf eine bestimmte Phase warten zu müssen. Das ist sowohl für die Patientin als auch für die Praxis bequem.

§ 04

AMH oder AFC: Was ist genauer?

Zahlreiche Studien haben beide Methoden direkt verglichen, und die Schlussfolgerungen ähneln sich meist: Beide Werte korrelieren gut miteinander und sagen recht zuverlässig vorher, wie viele Eizellen bei einer Stimulation für die IVF zu erwarten sind. In einigen Arbeiten erwies sich die Zählung antraler Follikel als geringfügig genauer in der Vorhersage der tatsächlichen Eizellzahl, der Unterschied ist aber klein, und in der Praxis nutzen Ärztinnen und Ärzte meist beide Tests gemeinsam, statt sich für einen zu entscheiden.

Eine wichtige Einschränkung gilt für beide Methoden: Weder AMH noch AFC messen die Qualität der Eizellen — nur ihre Anzahl. Eine hohe Reserve garantiert keine genetisch gesunden Eizellen, und eine niedrige Reserve bedeutet nicht, dass die verbleibenden Eizellen von schlechterer Qualität sind. Die Qualität wird vor allem vom Alter bestimmt, nicht von der Größe des verbleibenden Vorrats.

§ 05

Was Reservetests nicht aussagen können

Ein niedriger AMH-Wert oder ein kleiner AFC-Wert ist keine Diagnose „Unfruchtbarkeit“ und kein Grund, die Hoffnung aufzugeben. Diese Tests sagen vorher, wie die Eierstöcke auf eine hormonelle Stimulation im IVF-Protokoll reagieren werden — die Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Empfängnis sagen sie deutlich schlechter vorher. Eine Frau mit eher niedriger Reserve kann durchaus auf natürlichem Weg schwanger werden, wenn der Eisprung regelmäßig erfolgt und die eine Eizelle des Zyklus gesund ist. Umgekehrt schließt eine normale Reserve andere Ursachen für Unfruchtbarkeit — von verschlossenen Eileitern bis zum männlichen Faktor — keineswegs aus.

Deshalb sollten die Ergebnisse eines Reservetests immer mit der Ärztin oder dem Arzt im Kontext des Gesamtbilds besprochen werden, statt eine einzelne Zahl als endgültiges Urteil zu lesen.

§ 06

Wann sich ein Test auf die Ovarialreserve lohnt

§ 07

Warum das für IVF, Eizellspende und Eizellaufbewahrung wichtig ist

Für MAPASGEN-Nutzerinnen ist die Reservetestung in mehreren wiederkehrenden Situationen relevant. Frauen, die das Einfrieren von Eizellen für später erwägen, hilft der AMH-Wert dabei, abzuschätzen, wie viele Entnahmezyklen nötig sind, um eine ausreichende Anzahl zu sammeln. Wer eine Eizellspenderin auswählt, sollte wissen, dass seriöse Spendeprogramme grundsätzlich die Reserve der Spenderin selbst überprüfen — das ist fester Bestandteil der medizinischen Auswahl. Und bei Paaren oder Alleinerziehenden, die sich auf eine IVF vorbereiten, bestimmt das Testergebnis, welches Stimulationsprotokoll empfohlen wird und mit wie vielen Eizellen pro Zyklus realistisch zu rechnen ist.

Der Weg von Alfred Josts Experimenten mit Kaninchenembryonen in den 1940er-Jahren bis zum routinemäßigen Bluttest, den heute jedes private Labor durchführt, dauerte etwas mehr als ein halbes Jahrhundert. Ein weiterer Beleg dafür, wie unerwartet sich Wissenschaft manchmal entwickelt: Eine Grunderkenntnis aus einem Teilgebiet der Embryologie wird Jahrzehnte später zum praktischen Werkzeug in einem völlig anderen Bereich.

§ 08

Das Wichtigste in Kürze

§ 09

Zugang zu Reservetests weltweit

Der Reservetest ist ein medizinisches, kein rechtliches Verfahren — anders als die Eizellspende oder die Leihmutterschaft wird er deshalb in fast keinem Land durch eigene Gesetze geregelt. Trotzdem unterscheidet sich erheblich von Land zu Land, wie er heißt, wer ihn üblicherweise bezahlt und wie fest er im Standardweg einer Patientin verankert ist.

LandWie der Test heißt und wer üblicherweise zahltBesonderheit
Vereinigtes Königreich„Egg count test“ — meist selbst zu zahlen, 50–300 PfundHeimtests mit Postversand der Blutprobe sind weit verbreitet
Deutschland„Eizellreserve-Test“ — meist nicht von der Grundversicherung gedecktWird meist im Rahmen der IVF-Vorbereitung angeordnet
FrankreichKostenlos im Rahmen der Beratung vor einer IVFFester Bestandteil der Vorabklärung vor einem kassenfinanzierten Zyklus
SpanienEtwa 100 Euro, meist Teil eines kostenpflichtigen Fertilitäts-Check-upsWird von privaten Kliniken stark als erster Schritt beworben
PortugalWurde als Teil eines nationalen Screening-Programms untersuchtEs gibt gesundheitsökonomische Modelle zu möglichen Einsparungen
DänemarkStandardteil der Abklärung vor Spender- und stimulierten ZyklenHohe Bereitschaft, früh eine Kinderwunschpraxis aufzusuchen
TschechienPrivat verfügbar, günstiger als in WesteuropaWird oft bei ausländischen Patientinnen vor Eizellspende-Zyklen gemacht
IsraelIm Rahmen der Abklärung von Unfruchtbarkeit von der Krankenkasse gedecktEine der weltweit höchsten Raten an Fertilitäts-Check-ups
BrasilienÜberwiegend privat, in privaten LaborenNachfrage steigt mit dem Trend zur späteren Mutterschaft
GriechenlandKostenpflichtig, meist Teil eines FacharztterminsWird ausländischen Patientinnen oft im Paket mit Ultraschall angeboten
ZypernKostenpflichtig, meist Teil eines FacharztterminsBeliebtes Ziel, um Test und Urlaub zu verbinden
UkraineKostenpflichtig, zu einigen der günstigsten Preisen in EuropaOft Teil eines Standardpakets vor dem Behandlungszyklus

In Großbritannien hat sich der Test im Alltagswortschatz als „egg count test“ etabliert, und Heimtests mit Postversand der Blutprobe sind längst ein vertrautes Produkt auf dem Markt. In Frankreich und Israel ist er in der Regel fester Bestandteil der Abklärung vor einem staatlich finanzierten IVF-Zyklus, sodass Patientinnen ihn seltener separat bezahlen. In Tschechien und der Ukraine bleibt der Test kostenpflichtig, ist aber deutlich günstiger als in Westeuropa — ein Grund, warum viele Patientinnen für die Voruntersuchung vor Spenderzyklen dorthin reisen. In Portugal wurde der Reservetest sogar Gegenstand gesundheitsökonomischer Berechnungen: Fachleute untersuchten, ob eine frühe, breit angelegte Erkennung einer verminderten Reserve den diagnostischen Weg der Patientinnen verkürzen und dem System bei späterer, teurerer Behandlung Geld sparen könnte.

Letztlich sind AMH und AFC weder ein Urteil noch eine Garantie — sondern einfach zwei Zahlen, die einen Blick auf den aktuellen Zustand der Eierstöcke erlauben, etwas früher, als er sich sonst von selbst zeigen würde. Je früher eine Frau diese Zahlen kennt — ob aus Neugier mit 25 oder vor einem Facharzttermin mit 38 —, desto mehr Raum bleibt ihr für eine ruhige, überlegte Entscheidung: warten, Eizellen einfrieren, eine Behandlung beginnen oder sich nach einem Spendeprogramm erkundigen. Ein Reservetest sollte daher nicht als Grund zur Beunruhigung verstanden werden, sondern als ganz gewöhnliche Information über den eigenen Körper — vergleichbar mit einem Blutbild oder einer Blutdruckmessung.

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