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Die mitochondriale Eva: Die Frau, die in jedem von uns steckt

Episode 5 · MAPASGEN · Kostenloses Material

Vor etwa 150.000–200.000 Jahren lebte in Afrika eine Frau. Wir kennen ihren Namen nicht, wissen nicht, wie sie aussah und was fuer ein Leben sie fuehrte. Aber wir wissen eines mit Sicherheit: Ihre mitochondriale DNA ist heute in jedem lebenden Menschen auf dem Planeten vorhanden. Absolut in jedem.

Das bedeutet nicht, dass alle anderen Frauen ihrer Zeit keine Nachkommen hinterlassen haetten. Sie haben es. Aber ihre mitochondrialen Linien sind im Laufe der Zeit unterbrochen worden — jemand hatte keine Toechter, jemand hatte nur Soehne, die ihre Mitochondrien nirgendwohin weitergaben. Die Mathematik der Populationsgenetik ist unerbittlich: Wenn in der Generationenkette auch nur einmal keine Tochter da ist, bricht die weibliche Linie ab. Die Linie der mitochondrialen Eva wurde nie unterbrochen — und deshalb sind wir heute alle ihre Nachkommen in der muetterlichen Linie.

Warum Mitochondrien ein Sonderfall sind

Mitochondrien sind Organellen in jeder Ihrer Zellen. Ihre Hauptaufgabe ist die Energieproduktion in Form von ATP-Molekuelen (Adenosintriphosphat). Ohne Mitochondrien waere vielzelliges Leben unmoglich: Sie versorgen alles mit Energie — von der Muskelkontraktion bis zur Arbeit der Neuronen.

Aber Mitochondrien haben eine biologische Besonderheit, die sie im Kontext der Vererbung einzigartig macht: Sie haben ihre eigene DNA — getrennt von der Kern-DNA. Und diese DNA wird ausschliesslich von der Mutter weitergegeben.

Warum das so ist: Bei der Befruchtung bringt das Spermium nur seinen Kern in die Eizelle — 23 Chromosomen. Die Mitochondrien des Spermiums dringen in den meisten Faellen entweder gar nicht in die Eizelle ein oder werden sofort nach der Befruchtung in ihr aktiv zerstoert. Alle Mitochondrien des kuenftigen Kindes stammen von der Mutter.

Der evolutionaere Sinn: Warum ist die Natur so streng? Eine Hypothese: Verhinderung des "Konflikts" zwischen zwei verschiedenen mitochondrialen Genomen in einer Zelle. Wenn Mitochondrien von beiden Elternteilen vererbt werden wuerden, wuerden sie um Ressourcen innerhalb der Zelle konkurrieren, was die Effizienz der Energieerzeugung verringern wuerde. Ein einheitliches muetterliches Genom ist eine stabilere Loesung.

Die Geschichte der Entdeckung: Cann, Stoneking, Wilson und 1987

Im Jahr 1987 veroffentlichten die Biologen Rebecca Cann, Mark Stoneking und Allan Wilson in der Zeitschrift Nature eine Arbeit, die sofort zur Sensation wurde. Sie analysierten die mitochondriale DNA von 147 Menschen aus fuenf geografischen Regionen und rekonstruierten einen gemeinsamen Vorfahren aller modernen mitochondrialen Linien.

Die Berechnungen zeigten: Alle modernen mitochondrialen Linien gehen auf eine gemeinsame Vorlaeuferlinie zurueck, die nach Schaetzungen der Forscher vor etwa 140.000–200.000 Jahren in Afrika existierte.

Was das NICHT bedeutet:

Die mitochondriale Eva war nicht die einzige Frau ihrer Zeit. In ihrer Epoche lebten auf der Erde mindestens mehrere tausend Menschen. Sie ist nicht die "Stammmutter der Menschheit" im ueblichen Sinne.

Was es bedeutet: Alle heute lebenden Menschen haben ihre mitochondriale DNA von ihr geerbt — ueber eine ununterbrochene muetterliche Kette.

Was mitochondriale DNA ueber Ihre Herkunft sagt

Mitochondriale DNA mutiert langsam und vorhersehbar. Das macht sie zu idealen "molekularen Uhren": Wenn die Rate der Mutation bekannt ist, koennen Wissenschaftler berechnen, wann sich zwei Linien getrennt haben.

Anhand dieser Unterschiede werden alle modernen Menschen in mitochondriale Haplogruppen eingeteilt — Aeste des Baums, dessen Wurzeln zur mitochondrialen Eva reichen. Der Buchstabe L bezeichnet die aeltesten afrikanischen Linien. M und N sind die ersten Aeste, die Afrika vor etwa 60.000–70.000 Jahren verlassen haben.

Forensischer Detektiv: Genau die mitochondriale DNA half dabei, die Ueberreste der Romanow-Familie zu identifizieren. Die uebereinstimmende mitochondriale DNA von Prinz Philip mit den Knochen aus den Ekaterinburger Graebern bestaetigte: Dies sind die Romanows.

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