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Das Foerste-Phaenomen: Warum manche Familien jahrtausendelang nicht von zu Hause wegziehen

Niveau: vertieft · Thema: Populationsgenetik, Psychologie der Ortsverbundenheit, Migrationssoziologie

Von allen genetischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte ist die Foerste-Geschichte eine der menschlichsten. Nicht weil sie Drama oder Mysterium enthielte. Sondern weil sie Wiedererkennbarkeit enthaelt: Wir alle kennen jemanden, dessen Familie an einem Ort lebt "solange man sich erinnern kann". Und wir alle kennen jemanden, der bei der ersten Gelegenheit umgezogen ist und nie zurueckgeschaut hat. Was steckt hinter diesem Unterschied?

Teil 1. Die Genetik von Foerste: Was genau entdeckt wurde

Die Studie wurde 2006 von einer Gruppe deutscher Wissenschaftler unter der Leitung von Wolfgang Haak in PNAS veroeffentlicht. Sie extrahierten DNA aus 22 Skeletten aus der Lichtensteiner Hoehle und verglichen sie mit biologischem Material von 270 lebenden Bewohnern des Dorfes Foerste und der umliegenden Harzregion.

Von den 270 Personen erwiesen sich zwei als direkte Nachkommen in der Y-Chromosom-Linie — Traeger derselben Haplogruppe wie die vor 3.000 Jahren bestatteten Maenner. Weitere zeigten Aehnlichkeit in der mitochondrialen DNA.

Warum das statistisch bedeutsam ist: 3.000 Jahre sind etwa 100-120 Generationen. In dieser Zeit haette das Y-Chromosom mit jedem der Nachkommen an jeden Punkt Europas reisen koennen. Dass es im Umkreis von wenigen Kilometern geblieben ist, ist kein Zufall. Es ist ein Beweis fuer eine stabile, generationenuebergreifende Strategie der Sesshaftigkeit.

Teil 2. Psychologie der Ortsverbundenheit

Ortsverbundenheit — "place attachment" in der englischsprachigen Literatur — wird seit den 1970er Jahren von Psychologen untersucht. Es ist eine stabile emotionale Bindung zwischen einem Menschen und einem konkreten geografischen Ort, die seine Identitaet, sein Selbstwertgefuehl und seine Entscheidungsfindung beeinflusst.

Forschungen identifizieren zwei Komponenten dieser Verbundenheit:

Eine 2018 durchgefuehrte Studie unter Bewohnern kleiner europaeischer Staedte zeigte: Die Staerke der Ortsverbundenheit korreliert bedeutsam mit der Laenge der Familiengeschichte in einer Region. Wenn Ihre Grosseltern ebenfalls an diesem Ort lebten — ist die Wahrscheinlichkeit Ihres Wegzugs statistisch geringer.

Teil 3. Flaschenhalsseffekt: Wie Sesshaftigkeit das Erbgut einer Population veraendert

Wenn eine Population sich ueber lange Zeit nicht mit externen Gruppen vermischt, kommt es zu charakteristischen genetischen Veraenderungen. Das nennt man "genetische Drift".

  1. Anhaeufung seltener Varianten. Eine Mutation, die sich zufaellig beim Gruender einer Population festgesetzt hat, kann bei der Mehrheit seiner Nachkommen vorkommen. Beispiel: Die hohe Haeufigkeit der Tay-Sachs-Krankheit unter Aschkenasim wird genau dadurch erklaert.
  2. Verringerung der genetischen Diversitaet. Weniger Varianten bedeuten weniger adaptives Potenzial. Deshalb steigt in sehr isolierten Populationen die Haeufigkeit rezessiver Krankheiten.

Beispiel: Pitcairn-Insel

Im Jahr 1790 liessen sich 9 Meuterer des Schiffes "Bounty" und 18 Polynesier auf der unbewohnten Insel Pitcairn nieder. Heute zaehlt die Inselbevoelkerung etwa 50 Menschen, allesamt Nachkommen dieser 27 Gruender. Genetische Diversitaet ist minimal. Die Haeufigkeit einiger vererbter Zustaende liegt deutlich ueber dem Durchschnitt.

Teil 4. Migration vs. Sesshaftigkeit: Wer hat besser ueberlebt?

Fazit, das nicht ueber Gene handelt: Das Foerste-Phaenomen ist eine Geschichte darueber, dass die Wahl zu bleiben genauso mutig sein kann wie die Wahl zu gehen. Und dass ein "genetischer Anker" keine Schwaeche ist, sondern eine andere Art, in der Welt zu sein, mit ihrer eigenen evolutionaeren Logik.

MAPASGEN — der Podcast ueber Genetik, die Ihr Leben bereits veraendert.