Niveau: vertieft · Thema: HSP, sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit, Neurobiologie der Sensibilitaet
'Hochsensibel' ist zu einem populaeren Begriff geworden. Er taucht in Buechern, auf Social-Media-Kanaelen und in Therapieraeumen auf. Gleichzeitig ist er wissenschaftlich umstritten. Was steckt wirklich hinter dem Konzept — und was sagt die Genetik dazu?
Elaine Aron praegte 1996 den Begriff 'Highly Sensitive Person' (HSP) und das zugrundeliegende wissenschaftliche Konstrukt: Sensory Processing Sensitivity (SPS). Aron beschreibt SPS als ein Temperamentsmerkmal, das durch vier Dimensionen charakterisiert ist (kurz: DOES):
Aron schaetzt, dass 15–20 % der Bevoelkerung HSP sind. Wichtig: SPS ist kein Storungsbegriff. Es ist ein Temperamentsmerkmal, das Vor- und Nachteile hat.
Studien zeigen, dass HSP-Personen im Vergleich zu Nicht-HSP-Personen:
Wichtiger Befund: Eine 2018 im Brain and Behavior veroeffentlichte fMRT-Studie von Acevedo et al. zeigte, dass HSP-Personen beim Betrachten von Fotos von Fremden, die sich freuen oder leiden, staerkere Aktivierung im somatosensorischen Kortex und in Spiegelneuronenregionen hatten. Das Gehirn von HSP-Personen verarbeitet die emotionalen Zustaende anderer Menschen buchstaeblich intensiver.
SPS ist nicht durch einzelne Gene erklraerbar. Aber mehrere genetische Systeme sind relevant:
Serotonin-System
Der Serotonin-Transporter-Polymorphismus (5-HTTLPR) ist das am besten untersuchte Gen im Kontext von Sensibilitaet. Die 'kurze' (s) Variante wird mit:
Wichtig: 5-HTTLPR ist kein 'Depressions-Gen'. Es ist ein Sensibilitaets-Gen. Das wurde lange missverstanden.
Dopamin-System
Varianten im Gen COMT (das Dopamin abbaut) und im Dopaminrezeptor DRD4 (7R) sind mit erhoehter Reaktivitaet auf Umweltreize assoziiert. Menschen mit bestimmten DRD4-Varianten reagieren staerker auf positive und negative Erfahrungen — eine genetische Empfaenglichkeit.
Noradrenalin und das Locus-Coeruleus-System
Das Noradrenalinsystem reguliert die Wachheit und den 'Alarm'-Zustand des Gehirns. Genetische Varianten, die die Noradrenalinfreisetzung oder -empfindlichkeit betreffen, koennen erklaeren, warum manche Menschen schneller auf sensorische Reize reagieren.
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