Keine Spermien im Ejakulat bedeutet nicht, dass keine im Körper vorhanden sind. Drei chirurgische Methoden — und ein grundlegend neuer Blick auf männliche Unfruchtbarkeit.
Azoospermie — das vollständige Fehlen von Spermien im Ejakulat — betrifft etwa ein Prozent der Männer in der Allgemeinbevölkerung und zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Männer mit Unfruchtbarkeit. Noch vor zwanzig Jahren bedeutete diese Diagnose faktisch die biologische Unmöglichkeit einer genetischen Vaterschaft. Das ist heute nicht mehr so. Chirurgische Spermienentnahme-Methoden — TESA, PESA und Micro-TESE — haben das Bild radikal verändert.
Der Unterschied ist grundlegend: Spermien können aus zwei völlig unterschiedlichen Gründen nicht ins Ejakulat gelangen. Erstens: obstruktive Azoospermie — Spermien werden normal produziert, können aber aufgrund einer Blockade in den Ausführungsgängen nicht austreten. Zweitens: nicht-obstruktive Azoospermie — die Hoden selbst produzieren entweder gar keine oder nur verschwindend geringe Mengen an Spermien. Dieser Unterschied bestimmt alles — die Wahl der Methode und die Prognose.
Bei obstruktiver Azoospermie produziert der Hoden Spermien in normaler oder nahezu normaler Menge. Das Problem liegt darin, dass der Samenleiter oder Nebenhoden blockiert ist — durch eine frühere Infektion, angeborenes Fehlen des Ganges, vorangegangene Operation (Vasektomie) oder Trauma. PESA (Perkutane Epididymale Spermienaspiration): Eine feine Nadel wird durch die Hodensackhaut direkt in den Nebenhoden eingeführt. Die Prozedur dauert einige Minuten und wird unter Lokalanästhesie oder leichter Sedierung durchgeführt. Minimalinvasiv, kein Schnitt, schnelle Erholung — häufig die erste Wahl bei obstruktiver Azoospermie.
TESA (Testikuläre Spermienaspiration): Eine Nadel wird direkt in das Hodengewebe eingeführt und aspiriert eine kleine Menge Gewebe mit Flüssigkeit. Ebenfalls minimalinvasiv. Spermien aus TESA sind in der Regel weniger reif als bei PESA, da sie die Reifung im Nebenhoden nicht abgeschlossen haben. Für die Befruchtung ist das nicht kritisch — die Befruchtung erfolgt per ICSI, bei der eine einzelne Samenzelle direkt in die Eizelle injiziert wird.
Nicht-obstruktive Azoospermie ist eine grundlegend andere Situation. Die Ausführungsgänge sind in Ordnung, aber der Hoden hat entweder überhaupt keine Spermatogenese oder nur in einzelnen, fokalen Bereichen. Eine blinde Nadel kann diese Herde nicht finden. Genau dafür wurde Micro-TESE entwickelt.
Micro-TESE (Mikro-Testikuläre Spermienextraktion): Der Chirurg öffnet den Hoden unter einem Operationsmikroskop mit hoher Vergrößerung und untersucht methodisch die Samenkanälchen nach solchen, die visuell voller wirken — ein Zeichen für aktive Spermatogenese. Die identifizierten Kanälchen werden vorsichtig entnommen und an einen Embryologen übergeben. Die Prozedur dauert zwei bis vier Stunden, erfordert Vollnarkose und einen hochspezialisierten Chirurgen. Bei Klinefelter-Syndrom werden in etwa vierzig bis sechzig Prozent der Fälle Spermien gefunden.
Unabhängig von der Entnahmemethode werden die gewonnenen Spermien im IVF-ICSI-Protokoll verwendet. Wenn mehr Spermien gewonnen wurden als für einen Zyklus benötigt, werden die Überschüsse eingefroren — das ermöglicht Wiederholungsversuche ohne erneute Operation. Viele Kliniken trennen daher die chirurgische Entnahme vom IVF-Zyklus bewusst: erst Operation und Einfrieren, dann der geplante IVF-Zyklus.
Keine dieser Prozeduren wird ohne Voruntersuchung durchgeführt. Standardmäßig gehören dazu:
Azoospermie bedeutet heute kein Urteil gegen biologische Vaterschaft. Drei Methoden der chirurgischen Spermienentnahme — PESA, TESA und Micro-TESE — werden je nach Ursache und Form eingesetzt. Bei obstruktiver Azoospermie erzielen PESA und TESA hohe Erfolgsraten. Bei nicht-obstruktiver Azoospermie bleibt Micro-TESE eine komplexe, aber reale Möglichkeit für etwa die Hälfte der Patienten. Entscheidend ist die korrekte Voruntersuchung — einschließlich Gentests —, die die Methodenwahl und Erfolgsaussichten vor der ersten Prozedur ermöglicht.