Der erste Termin beim Reproduktionsmediziner: Wie man sich vorbereitet und was man fragen sollte

§ 01

Der erste Termin beim Reproduktionsmediziner ist ein Moment, zu dem viele Menschen nach einem langen inneren Widerstand kommen. Allein die Entscheidung, einen Termin zu vereinbaren, hat Kraft gekostet. Und jetzt ist es so weit — und sofort tauchen Fragen auf: Was passiert dort eigentlich? Was soll ich mitbringen? Was soll ich fragen?

Dieser Artikel beantwortet genau diese Fragen — praktisch, ohne unnötige Angst. Der erste Termin bestimmt nicht das Schicksal. Es ist ein Informationsaustausch in beide Richtungen: Der Arzt erfährt etwas über Sie, Sie erfahren etwas über den Arzt und darüber, was als Nächstes kommt.

§ 02

Wer ist ein Reproduktionsmediziner und warum hingehen

Ein Reproduktionsmediziner ist ein Arzt, der sich auf die Diagnose und Behandlung von Störungen der Fortpflanzungsfunktion spezialisiert hat. Das ist kein 'Arzt für Unfruchtbarkeit' im stigmatisierenden Sinne — sondern ein Spezialist, zu dem Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen kommen: Paare, die erfolglos versuchen, schwanger zu werden; alleinstehende Frauen, die eine Schwangerschaft mit Spendersamen planen; Menschen mit bekannten genetischen Risiken, die eine präkonzeptionelle Untersuchung wünschen; oder solche, die ihre Fertilität vor einer onkologischen Behandlung erhalten möchten.

Wann zum ersten Termin gehen? Die allgemeine Empfehlung: unter 35 Jahren und regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr — nach 12 Monaten ohne Erfolg. Nach dem 35. Lebensjahr — nach 6 Monaten. Aber das sind keine starren Regeln: Bei bekannten Risikofaktoren (unregelmäßiger Zyklus, früher diagnostizierter Endometriose, Bauchoperationen, männlichem Faktor) sollte man früher gehen, ohne lange zu warten.

Wenn Sie eine alleinstehende Frau oder ein gleichgeschlechtliches Paar sind, das eine Schwangerschaft mit Spendersamen plant, ist der erste Termin beim Reproduktionsmediziner sinnvoll, sobald diese Entscheidung getroffen wurde. Kein Abwarten einer bestimmten Anzahl von Versuchen nötig.

§ 03

Was mitbringen

Medizinische Unterlagen — alles, was vorhanden ist. Ergebnisse früherer Untersuchungen (Hormone, Ultraschall, Spermiogramme), Aufzeichnungen über frühere Schwangerschaften und deren Verlauf, Krankenhausentlassbriefe, Informationen über chronische Erkrankungen und Operationen. Keine Vorarbeit nötig — der Arzt findet sich zurecht. Lieber zu viel mitbringen als etwas Wichtiges weglassen.

Wenn Sie mit Ihrem Partner kommen — auch seine Unterlagen sind wichtig: frühere Spermiogramme, Infektionsscreening, Informationen über chronische Erkrankungen. Bei der Abklärung einer Fertilitätsstörung werden beide Partner untersucht — das ist keine 'Überprüfung' einer Person, sondern das Erfassen des Gesamtbildes.

Eine Liste der Medikamente, die Sie derzeit nehmen. Bestimmte Arzneimittel beeinflussen den Hormonhaushalt, die Fertilität und Untersuchungsergebnisse. Der Arzt muss das wissen.

Aufzeichnungen zum Menstruationszyklus — falls vorhanden. Angaben zu Zykluslänge, Regelmäßigkeit und der Art der Blutung können hilfreich sein. Wenn Sie eine Tracking-App nutzen, können Sie die Geschichte direkt vom Handy zeigen.

Eine Liste mit Fragen. Ja, genau — eine physische Liste. Beim Termin kann es aufregend sein, die Gedanken schweifen, und hinterher stellt man fest, dass das Wichtigste gar nicht angesprochen wurde. Schreiben Sie vorher alles auf. Sie haben das Recht, Fragen zu stellen und verständliche Antworten zu bekommen.

§ 04

Was beim ersten Termin passiert

Der erste Termin dauert in der Regel 45 Minuten bis eineinhalb Stunden. Es ist kein schneller Überblick — es ist ein Gespräch. Der Arzt erhebt die Anamnese: Geschichte der Zeugungsversuche, frühere Schwangerschaften, gynäkologische Erkrankungen, allgemeiner Gesundheitszustand, Lebensweise. Je detaillierter Ihre Antworten, desto besser für Sie.

Eine gynäkologische Untersuchung kann Teil des ersten Termins sein — das hängt von der Klinik und dem jeweiligen Arzt ab. In der Regel umfasst sie eine Spekulumuntersuchung und einen transvaginalen Ultraschall: Der Arzt beurteilt Gebärmutter, Eierstöcke und die Anzahl der antralen Follikel. Das ist nicht schmerzhaft, dauert wenige Minuten und liefert viele Informationen.

Die Anordnung von Untersuchungen ist ein Standardbestandteil des ersten Termins. Lassen Sie sich von einer langen Liste nicht beunruhigen. Ein grundlegendes Fertilitäts-Screening umfasst in der Regel: ein Hormonstatus (FSH, LH, AMH, Östradiol, Prolaktin, TSH), ein Infektionsscreening (HIV, Hepatitis B und C, Syphilis, STI), eine Gerinnungsuntersuchung und allgemeine Blutwerte. Wenn Sie als Paar kommen — Spermiogramm für den Partner.

Ein erster Plan — wie es weitergeht. Auf der Grundlage des Gesprächs und der Untersuchung skizziert der Arzt in der Regel den nächsten Schritt: Entweder wird auf Untersuchungsergebnisse gewartet und ein neuer Termin vereinbart, oder es ist bereits erkennbar, dass eine weiterführende Diagnostik nötig ist, oder es liegen genug Informationen vor, um ein konkretes Behandlungsprotokoll vorzuschlagen. Selten endet der erste Termin mit einem fertigen IVF- oder IUI-Plan — das ist normal.

§ 05

Fragen, die sich lohnen

Das ist der wichtigste Teil. Ein guter Arzt beantwortet vieles von selbst — aber nicht alles. Hier sind Fragen, die vorbereitet werden sollten:

Zur Diagnostik: Welche Untersuchungen ordnen Sie an und wofür ist jede einzelne? Wann und wie am besten durchführen lassen — manche müssen an einem bestimmten Zyklustag gemacht werden. Gibt es etwas, was Sie in dem, was ich erzählt habe, bereits beunruhigt?

Zum weiteren Vorgehen: Wann können wir die Ergebnisse besprechen und was kommt dann? Welche Behandlungsmöglichkeiten kommen in meiner Situation infrage — zumindest grob? Wie lange könnte der gesamte Prozess dauern — von der Diagnostik bis zum ersten Versuch?

Zur Klinik: Werden Sie persönlich mein Arzt bleiben oder jemand aus Ihrem Team? Wie ist die Kommunikation zwischen den Terminen geregelt — kann ich mit Fragen schreiben? Wie schnell antworten Sie? Wie geht die Klinik mit Spendermaterial um, falls das relevant wird?

Zu den Kosten: Was ist im heutigen Termin enthalten? Wie ist die Preisgestaltung für die weitere Behandlung — gibt es feste Protokolle oder ist alles individuell? Mit welchen zusätzlichen Kosten ist zu rechnen?

Wenn Sie eine alleinstehende Frau oder ein gleichgeschlechtliches Paar sind: Wie arbeitet die Klinik mit solchen Patientinnen — haben Sie Erfahrung? Welches Spendermaterial verwenden Sie und von welchen Banken? Wie wird die Dokumentation gehandhabt — hinsichtlich des rechtlichen Status des Kindes?

§ 06

Wie man Arzt und Klinik einschätzt

Der erste Termin ist auch Ihre Gelegenheit zu spüren, ob dieser Arzt zu Ihnen passt. Medizinische Kompetenz ist wichtig, aber nicht weniger wichtig ist: Fühlen Sie sich gehört? Erklärt der Arzt seine Entscheidungen, oder sagt er nur 'machen Sie das so'? Bleibt Zeit für Ihre Fragen?

Ein guter Reproduktionsmediziner verspricht keine Ergebnisse. Ein guter Reproduktionsmediziner erklärt Wahrscheinlichkeiten, ist ehrlich über das, was er nicht weiß, und schlägt einen begründeten Plan vor — kein 'wir probieren einfach alles'. Wenn ein Arzt beim ersten Termin sofort auf IVF ohne vollständige Diagnostik besteht, ist das ein Grund zur Vorsicht.

Auch die Atmosphäre der Klinik spielt eine Rolle. Sie werden mehrfach hierher kommen. Wie wohl fühlen Sie sich in diesem Raum? Wie ist das Personal? Wie klar ist die Kommunikation — mit der Rezeption, mit der Koordinatorin, mit dem Arzt?

Wenn Sie nach dem ersten Termin das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt — vertrauen Sie diesem Gefühl. Eine Zweitmeinung bei einem anderen Spezialisten ist völlig normale Praxis. Es gibt keine Loyalitätspflicht gegenüber dem ersten Arzt, wenn etwas Sie beunruhigt.

§ 07

Nach dem Termin: Was als Nächstes tun

Untersuchungen zum richtigen Zeitpunkt durchführen lassen. Viele Hormontests müssen an einem bestimmten Zyklustag gemacht werden: FSH und LH am 2.–5. Tag, AMH an beliebigem Tag. Fragen Sie die Ärztin oder Koordinatorin, wann was gemacht werden soll, und halten Sie sich daran. Im falschen Zeitfenster gemachte Tests können ein verzerrtes Bild liefern.

Aufschreiben, was der Arzt gesagt hat. Direkt nach dem Termin, solange es frisch ist — die wichtigsten Punkte, Anordnungen, Antworten auf Ihre Fragen notieren. Die Informationen sind viele und vermischen sich schnell. Manche Menschen nehmen den Termin per Smartphone auf — wenn man den Arzt fragt und er einverstanden ist, ist das eine nützliche Gewohnheit.

Keine Entscheidungen im Stresszustand treffen. Wenn Sie durch etwas, das Sie gehört haben, erschreckt wurden — das ist normal. Gönnen Sie sich ein paar Tage, bevor Sie anrufen und den nächsten Schritt drängen. Wichtige medizinische Entscheidungen trifft man besser in einem ruhigen Zustand.

Mit dem Partner sprechen — wenn vorhanden. Wenn Sie alleine gegangen sind — mit jemandem sprechen, dem Sie vertrauen. Das ist keine Schwäche — es ist ein vernünftiger Umgang mit vielen neuen Informationen.

§ 08

Das Wichtigste

Der erste Termin beim Reproduktionsmediziner ist kein Urteil und kein Wendepunkt. Es ist der Beginn eines diagnostischen Prozesses, in dem Sie eine aktive Rolle haben. Sie sind nicht einfach eine Patientin, die darauf wartet, was ihr gesagt wird — sondern ein Mensch, der informierte Entscheidungen über seinen Körper und sein Leben trifft.

Eine gute Klinik und ein guter Arzt unterstützen diese Rolle. Wenn das nicht der Fall ist — suchen Sie eine andere Klinik. Das ist ein Markt für medizinische Leistungen, und Sie haben das Recht, zu wählen.

Und schließlich: Der erste Termin ist meistens weniger schlimm, als er im Vorfeld erscheint. Die meisten Menschen kommen mit dem Gefühl heraus, dass zumindest manches ein bisschen klarer geworden ist. Das ist schon einiges.

§ 09

Glossar

AMH (Anti-Müller-Hormon) — ein Blutmarker, der die Eizellreserve widerspiegelt; einer der Schlüsselparameter bei der Erstuntersuchung.

Antrale Follikel — kleine, im Ultraschall sichtbare Follikel in den Eierstöcken. Ihre Anzahl ist neben AMH ein Maß für die Eizellreserve.

Anamnese — Krankengeschichte, die der Arzt im Gespräch erhebt, einschließlich Symptome, Vorerkrankungen, Operationen und Familiengeschichte.

FSH (Follikelstimulierendes Hormon) — Hormon der Hirnanhangdrüse, das die Follikelreifung steuert. Erhöhte Werte am 2.–5. Zyklustag können auf eine verminderte Eizellreserve hinweisen.

IUI (Intrauterine Insemination) — Verfahren, bei dem aufbereitetes Sperma direkt in die Gebärmutterhöhle eingebracht wird. Eine der ersten Behandlungsmöglichkeiten bei bestimmten Indikationen.

IVF (In-vitro-Fertilisation) — Verfahren, bei dem Eizellen entnommen, im Labor befruchtet und der entstandene Embryo in die Gebärmutter übertragen wird.

Ovarielle Reserve — die verbleibende Anzahl an Eizellen in den Eierstöcken. Nimmt mit dem Alter ab. Wird durch AMH-Spiegel und Anzahl der antralen Follikel eingeschätzt.

Präkonzeptionelle Untersuchung — umfassende medizinische Abklärung vor einer geplanten Schwangerschaft zur Erkennung und Korrektur von Risikofaktoren.

Transvaginaler Ultraschall — Ultraschalluntersuchung der Beckenorgane mittels vaginalem Schallkopf. Liefert genauere Bilder als der transabdominale Ultraschall.

Behandlungsprotokoll — standardisierte Abfolge medizinischer Maßnahmen (Untersuchungen, Medikamente, Eingriffe) für eine bestimmte Behandlungsmethode.

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