Bei den meisten Menschen ruft das Wort 'Stammbaum' dasselbe Bild hervor: ein verzweigtes Gebilde mit Fotos, man selbst unten, die Eltern darüber, Großeltern noch weiter oben. Schön, verständlich, gemütlich. Als Forschungsinstrument ist es jedoch ungenau und kann irreführend sein.
Die professionelle Genealogie verwendet mehrere grundlegend verschiedene Diagrammtypen, jeder mit seiner eigenen Aufgabe. Das Verständnis der Unterschiede verändert sowohl die Art, wie man den Stammbaum aufbaut, als auch das, wonach man eigentlich sucht.
Der aufsteigende Stammbaum — auch Ahnenleiter oder Ahnentafel — ist der häufigste Typ in der genealogischen Forschung. Er wird von einer Person (dem Probanden) aufwärts aufgebaut: zu dessen Eltern, deren Eltern und so weiter. Jede Person im Schema hat Vorfahren, aber keine Geschwister, Onkel, Tanten oder Cousins.
Das Kekulé-Nummerierungssystem (Ahnentafel): Proband = 1, Vater = 2, Mutter = 3, Vaters Vater = 4, Vaters Mutter = 5, Mutters Vater = 6, Mutters Mutter = 7. Die Regel: der Vater jeder Person = ihre Nummer × 2; die Mutter = ihre Nummer × 2 + 1. Alle Männer haben gerade Zahlen, alle Frauen ungerade (außer dem Probanden). So können Aufzeichnungen als nummerierte Liste geführt werden — ganz ohne Diagramm.
Der absteigende Stammbaum beginnt bei einem Vorfahren und arbeitet sich abwärts — zu seinen Kindern, Enkeln, Urenkeln. Er zeigt alle Nachkommen einer Person. Dieser Typ wird verwendet, wenn die Geschichte einer Familie von einem bekannten Gründer aus erforscht wird oder wenn man sich mit anderen lebenden Verwandten verbinden möchte.
Das Familienstammblatt ist kein Baum, sondern eine Tabelle für eine Kernfamilie: Ehemann, Ehefrau und ihre Kinder. Für jede Person: Datum und Ort der Geburt, Heirat und Tod — und für jede Information die Quelle. Es ist das Arbeitsdokument des Forschers, keine Präsentationsgrafik. Das Familienstammblatt ist die Grundlage jeder ernsthaften genealogischen Arbeit, weil es zwingt, nicht nur Namen, sondern auch Quellen zu notieren.
Der verbreitetste Fehler in der Hobbygenealogik ist der Aufbau eines Stammbaums ohne Quellenangaben für jeden Fakt. Namen, Daten, Orte — jede Information braucht eine Referenz: Archivaktenzeichen, Buch, Webseite, konkreter Eintrag. Ohne das ist ein Stammbaum eine Sammlung von Annahmen. Eine praktische Regel: Wenn man die Quelle eines Fakts nicht nennen kann — ist es eine Hypothese, kein Fakt. Hypothesen gehören in den Stammbaum, müssen aber als solche gekennzeichnet sein.
Der klassische Fallstrick: Man findet einen Taufeintrag für Johann Müller von 1850 im richtigen Ort und verbindet ihn mit dem eigenen Urgroßvater Johann Müller. Aber Johann Müller könnte in diesem Ort nicht allein gewesen sein. Ohne zusätzliche Identifikatoren — Alter, Elternnamen, weitere Dokumente — ist diese Verbindung unzuverlässig. Der Grundsatz: Personen im Stammbaum nicht verbinden ohne mindestens zwei unabhängige Bestätigungen ihrer Identität.
Die traditionelle Genealogie konzentrierte sich historisch auf die männlichen Linien — weil Familiennamen patrilinear weitergegeben wurden. Aber man hat genauso viele Vorfahren in der mütterlichen Linie wie in der väterlichen. Weibliche Linien zu ignorieren bedeutet, die Hälfte der eigenen Geschichte zu erforschen. Praktisch: Für jede Frau im Stammbaum den Mädchennamen erfassen. Nur dieser erschließt ihre Herkunftsfamilie.
Ein Papierstammbaum ist ansehnlich, aber für die Forschung unpraktisch. Für die Forschung eignet sich Software besser. Gramps (Open Source, starkes Quellensystem) — beste Wahl für ernsthafte Forschung. MacFamilyTree und Family Tree Builder (MyHeritage) benutzerfreundlicher für Einsteiger. Online: Ancestry, MyHeritage, Geneanet, FamilySearch. GEDCOM ist das Standardformat für den Datenaustausch zwischen Programmen.
Ein Stammbaum ist kein Ziel, sondern ein Werkzeug. Das Ziel ist das Verständnis realer Menschen, die reale Leben führten. Das Schema hilft, das Gefundene zu strukturieren und zu sehen, was noch fehlt. Ein Stammbaum ist nie 'fertig' — er ist ein lebendiges Dokument, das mit der Forschung wächst.
Tausende bauen bereits Familien nach ihren Vorstellungen.
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